"Die Kreuztragung"
aus der Werkstatt Lucas Cranachs d.Ä.
 
 
Auszug aus der Mitteldeutsche Zeitung vom 01. August 2013
 
Cranach-Forscher und -Liebhaber erleben gerade eine Glückssträhne. Vor fünf Monaten erst verbuchte das Kulturerbe der Region einen unverhofften Zugewinn, als die 1980 gestohlenen und 2006 in Bamberg wiederentdeckten Altarflügel in die Kliekener Dorfkirche zurückkehrten. Sie waren frühe Zeugnisse von Cranachs Wittenberger Werkstattbetrieb und ursprünglich für eine Niederlassung des Deutschen Ordens gemalt.
 
Doch zu diesem kulturgeschichtlichen Glücksfall gesellt sich nunmehr, und nur 30 Kilometer elbabwärts, eine gleich zweifache Sensation. Die Kunstreferentin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, Bettina Seyderhelm, präsentierte gestern in der Dorfkirche von Dabrun – einem Ortsteil von Kemberg, aber im Kirchspiel von Pratau – die Frucht ihres detektivischen Spürsinns: Ein Altarbild Lukas Cranachs d.Ä. mit der „Kreuztragung Christi“, das in schlechtem Zustand und unter irriger Zuschreibung an Cranach den Jüngeren unerkannt in der Dorfkirche von Pratau verdämmerte.
 
 
 
Die Kreuztragung
 
Bettina Seyderhelm vor dem Tafelbild mit dem Entwurf zur "Kreuztragung". © EKM

 
Epochaler Zyklus
 
Seyderhelm ordnete das Werk darüber hinaus in den epochalen Zyklus von Altarbildern aus Kardinal Albrechts hallescher Stiftskirche ein. Sie machte also einen Fund, der vor sechs Jahren in Halle in der Ausstellung „Der Kardinal“ Furore gemacht hätte, als das Landeskunstmuseum in der Moritzburg das grandiose kirchliche Kunstmäzenatentum von Luthers Gegenspieler feierte.
 
1520 gab Albrecht mit der Gründung der Stiftskirche, die sich heute Dom nennt, nicht weniger als 142 Bilder für 16 Flügelaltäre in Auftrag. Ihr Thema war die Leidensgeschichte Christi, begleitet von etlichen der Märtyrer und Heiligen, die in seinem Reliquienschatz präsent waren.
 
Bis auf je eines von Dürer und Grünewald schuf die Bilder allesamt Cranach und seine Helferschar binnen drei Jahren mit der Geschwindigkeit rationeller Arbeitsteilung. Als Albrecht 1541 vor der Reformation und seinen Schulden Reißaus nahm, hat er, wie Cranach-Experte Andreas Tacke sagt, „alles was nicht niet- und nagelfest war“ in seine Residenz nach Aschaffenburg überführt.
 
Dort soll vieles im Schlossbrand von 1552 untergegangen sein. Nur was in der Mainzer Bischofsresidenz und in der Aschaffenburger Stiftskirche hing, darunter das Hauptwerk und einzige Bild von anderer Hand als Cranach, Grünewalds „Erasmus-Mauritiustafel“, kam später in die Alte Pinakothek. „Deshalb ist heute nur noch mit wenigen Überraschungen zu rechnen“, schrieb Tacke im Albrecht-Katalog. Aber offenbar blieb doch einiges im Lande, und so ist die Überraschung nun da. „Wir verdanken sie der Reinigung des Bildes“, sagt Frau Seyderhelm.
 
Nicht zuletzt dank ihrer Initiative hat die Landeskirche ein Projekt zur Restaurierung, Konservierung und Erforschung von Cranach-Werken in den Gotteshäusern ihres Verbunds begonnen.
 
Dazu ist eine Zusammenarbeit mit den Landesämtern für Denkmalpflege, mit dem Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt in Magdeburg und mit Kunsthistorikern der Universitäten Breslau und Erlangen/Nürnberg vereinbart worden. Ein übriges tut die Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut in der Kirchenprovinz Sachsen, die das Unternehmen fördert. Nun hat man mit der Pratauer Tafel tatsächlich ein Einzelstück aus dem ehrgeizigen Bildprogramm Kardinal Albrechts vor Augen, das die Ausstellung in Halle virtuell rekonstruieren konnte. Belege dafür sind die eigenhändigen Modellzeichnungen Cranachs im Maßstab 1:10, die er seinem Auftraggeber vorlegte.
 
Es handelt sich um skizzenhafte Tuschfederzeichnungen, die durch Lavierung (Schattierung mit verdünnter Tinte) und rot getönte Gesichter belebt sind. Sie sind in verschiedenen Museen erhalten, und besonders zahlreich in der Sammlung der Universität Erlangen.
 
Doch die Vorzeichnung für die „Kreuztragung“ hütet der Louvre. Auch sie war in der Ausstellung zu sehen. Der zugehörige Altar im Nordseitenschiff der Stiftskirche war der zwölfte im Passionszyklus und Johannes dem Täufer geweiht. Der Werkstattkünstler hat die Vorgaben bis auf geringe Abweichungen umgesetzt, aber in sichtlich vergröbernder Malweise und ein wenig steif im Ausdruck.
 
 
 
Die Kreuztragung
 
"Die Kreuztragung". © EKM

 
Reiterschar im Hintergrund
 
In der Bildmitte trägt Jesus das Kreuz, unterstützt von Simon von Cyrene. Landsknechte misshandeln ihn, die trauernden Frauen und Johannes blicken auf die Szene. Im Hintergrund erscheint eine Reiterschar und im Vordergrund eine Gruppe von offenbar Kleinwüchsigen. Diese bemerkenswerten Gestalten scheinen auf der Vorzeichnung doch eher die Kinder zu sein, die auf spätmittelalterlichen Allegorien das Vorbild für diese „Zutat“ lieferten. Ob der Werkstattmeister sie einfach nur unbeholfen malte, sei dahingestellt.
 
Die Berliner Restauratorin Dörte Busch hat ganze Arbeit geleistet, das Bild zu reinigen und die Farbschollen zu fixieren, die wegen zu feuchten Klimas abplatzten.
 
1980 ist das Bild schon einmal restauriert worden, aber seine originale Malschicht ist gut erhalten. Der Gedanke bietet sich an, das Bild einmal wieder in Halle zu zeigen, doch „der labile Zustand lässt einen Transport kaum zu“, sagt Frau Seyderhelm.
 
Es konnte auch nicht in Pratau bleiben, da die Kirche in Dabrun, die zur selben Gemeinde gehört, sicherheitstechnisch besser aufzurüsten war.
 
So recht will die neuromanische Backsteinkirche, erbaut im Jahr 1897, nicht zu dem Bildwerk passen. Kurios genug, dass Cranach dort Gesellschaft von Rubens bekommt. Am Altar hängt die „Kreuzabnahme“, gemalt im 18. Jahrhundert im Stil des Antwerpener Barockmeisters.